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15. Juli 2020 – Paß auf, wo Sehnsucht in dir wohnt…

„Blau & Sehnsucht“ das ist das Juli/ August Thema des MittwochsMix von Michaela und Susanne. Ich habe ein Buch in der „slim case binding“, der Juni-Bindung meines Online Buchbindekurses, dazu gemacht. Und ich hatte eine Menge Spaß!!! Begonnen hat es mit einer Rasierschaumschlacht ohnegleichen. (Das war gar nicht nachhaltig und ich habe auch ein wenig ein schlechtes Gewissen… aber lustig war’s!)

Auf ein Backblech kommt eine ordentliche Portion Rasierschaum, verschiedene blaue Tinte wird hineingetropft und mit einem Holzstäbchen „verzogen“.

Darauf kommt ein Blatt Papier, das leicht angedrückt wird. (Auf dem Foto oben habe ich gerade die Rückseite eingefärbt, deshalb ist diese schon blau.) Den Rasiererschaum streift man mit einem Plastikschaber ab und schon hat man ein marmoriertes (oder auch gewischtes, je nachdem…) Blatt Papier.

Auf diese Art sind eine Menge blaugemusterter Papiere entstanden (die ich leider erst fotografiert habe, als ich sie schon kleingeschnitten hatte.)

Elf zusammengefaltete Lagen dieser verschiedenen, blauen Papiere habe ich mit 5 Stichen zu einem Heft gebunden. Um das Heft herum kommt ein schmaler Streifen aus Buchbindeleinen, der oben und unten je 0,3 mm kürzer ist als die Heftseiten. (Dieser wird auch mit eingebunden.)

Das Buch besteht nur aus dieser einen, etwas dickeren Lage. Zwischen den beiden Buchdeckeln aus Pappe benötigt man einen kleinen Streifen, der als Gelenk dient. Seine Breite ermittelt man so:

Auf dem Buchbindeleinen wird auf beiden Seiten die doppelte Dicke der Buchdeckel angezeichnet. (Meine Deckel waren 3 mm dick, also markierte ich vorne und hinten je 6 mm auf dem Buchbindeleinen.)

Nun legt man einen Streifen Papier um den Rücken und markiert die beiden aufgezeichneten Linien.

Der Abstand zwischen den beiden Markierungen (bei mir 1,7 cm) entspricht der Lücke zwischen den Buchdeckeln. Auf dem Foto unten sieht man, was ich meine:

Das Buchbindeleinen bedeckt die Pappen auf jeder Seite etwa 4 cm. Oben und unten umklappen, festkleben… dann kann das Bezugspapier augeklebt werden.

Das Herstellen desselben war dann der nächste Spaß!

In eine Schüssel mit Wasser und Spülmittel kommt etwas Acrylfarbe. Dann wird geblubbert, was das Zeug hält…

…und richtig tolle Seifenblasen entstehen.

Wenn man auf diese vorsichtig ein Blatt Papier legt, entstehen zauberhafte Muster.

Träume sind Schäume…

…oder auch nicht. Auf jeden Fall spiegeln sie unsere Sehnsüchte wider.

Weil mir das Ergebnis so gut gefiel, habe ich gleich zwei Cover gemacht.
Beim Beschäftigen mit dem Thema Sehnsucht, bin ich über folgendes, wunderschöne Gedicht von Wolfgang J. Reus gestolpert:

paß auf, wer deine freunde sind!
paß auf, wes geistes kind sie sind!
paß auf, woher sie kommen.

paß auf, wohin sie gehen.
paß auf, zu wem sie stehen.
paß auf, ob sie auch sehen.

paß auf, von welcher art sie sind!
paß auf, mein liebes, gutes kind,
paß auf, paß auf!

paß auf, wo deine sterne steh´n,
paß auf, wo die gedanken weh‘n,
paß auf, ob alle herzen treu – slash –
mir – slash – dir – slash – nicht so neu.

paß auf, ob immer noch die welt:
paß auf: das grüne sich erhält!
paß auf, daß lügen nicht mehr stimmen.
paß auf. denn alles kommt von innen.

paß auf, wo deine sehnsucht schlummert
paß auf, wo nur dein herz so wummert,
paß auf, wo sehnsucht in dir wohnt,
paß auf, ob dieses dieses lohnt.

paß auf, daß licht den tag erhellt,
paß auf, daß wahrheit aus dir schnellt.
paß auf. paß auf.

paß auf, du kannst nur deinen augen trauen.
paß auf: dann mußt du schlauer schauend schauen.
paß auf!

paß auf: auch dies gedicht wird schwinden.
paß auf: sie werden lügen um es winden.
paß auf …

paß auf, wer deine freunde sind!
paß auf, wes geistes kind sie sind!
paß auf! versehen
tlich werden sie gehen.
Wolfgang J. Reus

Auszüge davon habe ich mit silberner Siebdruckfarbe auf die Seiten meines Heftes gestempelt bzw. schabloniert:

Die Schrift soll bewusst im Hintergrund bleiben. Deshalb habe ich das helle Silber als Farbe gewählt.

In dem Büchlein ist Platz für eigene Gedanken, Erinnerungen etc.

Und Angst vor dem weißen Blatt braucht man hier ja wirklich nicht haben 😉

Wollt ihr alle Seiten sehen? Dann blättert mit mir durch das Buch:

Bei den Buchdeckeln ist mir übrigens ein Fehler unterlaufen, da ich nicht richtig gelesen hatte. Die beiden Pappen sind oben und unten je 3 mm größer als das Heft. Das ist ja eigentlich nichts ungewöhnliches doch in der Breite sind sie 3 mm schmaler als das Heft. Das ist ganz und gar untypisch und so habe ich die Deckel 3 mm größer als
das Heft gemacht:

Meinen Fehler habe ich erst bemerkt, als es ans Kleben ging. Und so ist der Vorsatz und auch mein Heft etwas weiter drinnen als geplant.

Wer noch wissen möchte, wie das Heft in die Buchdeckel geklebt wird, hier kommt eine kurze Anleitung:

Zuerst wird der Streifen Buchbindeleinen an das erste Blatt geklebt.

Wenn man möchte kann man in die Mitte des Buchrückens ein Band als Lesezeichen einkleben.

Nun wird die Vorderseite mit Buchbindeleim eingestrichen – aber Vorsicht! Den kleinen Streifen links neben dem markieren Strich nicht einstreichen. Dann klebt man das Ganze vorsichtig in den Buchdeckel, ohne dabei das Heft zu öffnen.

Der Rand des Heftes liegt dabei auf der angezeichneten Mittellinie im Buchrücken. Mit der Rückseite verfährt man genauso. Fertig!

9 Kommentare

  1. Genau das wollte ich auch schon so lange machen.. also das Rasierschaum-Mamorieren… wenn eine Dose noch in der Kammer steht und nicht genutzt wird, kann ich sie auch aufbrauchen, oder? Das sieht auf jeden Fall nach sehr viel Spaß aus.
    Das Buch ist superschön, aber ich frage mich, wofür braucht man den Leinenstreifen? Zur Stabilität?
    Liebe Grüße am Mittwoch
    Michaela

    • Ich glaube ja. Wenn man das Buch am Papier in den Deckel einklebt, besteht vielleicht die Gefahr, dass es einreißt. Es ist ja nicht ganz festgeklebt…

  2. Oja, Rasierschaum…. hatte ich ja neulich erst so einige Sessions. Nur mit Blautönen ist das auch super! Und Blubberblasen….immer so fein und zart. Da darf man dann auch mal genauer hinschauen und verweilen! Toll, liebe Andrea, was du heute alles so aus dem Ärmel schüttelst. Da weiß ich gar nicht, wo ich alles gucken soll. So inspirierend – danke! LG. Susanne

  3. Toll, was du immer alles ausprobierst und dann auch sofort in Buchprojekte integrierst!
    Beim Bild vom Rasierschaum musste ich gleich grinsen…. vor Jahren habe ich diese Technik auch schon getestet, und es hat prima geklappt.
    Doch hätte ich in etwas teureren Rasierschaum investieren sollen, mein Billo-Schaum hatte einen absolut üblen Geruch, die Karten stinken noch heute!
    Liebe Grüße – Ulrike

    • Also bei uns hat die Wohnung auch tagelang nach „eitlem Gockel“ 😉 gerochen. Ich gab nämlich auch nur billigen genommen…

  4. Claudia M. sagt

    Hallo Andrea, wie witzig! Gerade heute habe ich das erste Mal mit Rasierschaum marmoriert… leider mit mäßigem Erfolg. Ich „muss nochmal ran“…. Das mit den Seifenblasen wollte ich auch probieren, aber da hat die Zeit gefehlt – Deine Ergebnisse sind klasse! Viele Grüße, Claudia

  5. Christina Riebel sagt

    Vielen Dank für´s Teilen der Anleitungen und den Einblick in das schöne, blaue Sehnsuchtsbuch.

    Hab wieder was gelernt: Das Blatt beim Scheifenblasenpusten AUF die Blasen legen. Bei mir lag´s unter der Schüssel, da war das Papier schnell durchweicht….

  6. sagt

    Liebe Andy, wieder so ein herrliches Meisterwerk! Und was für ein wunderbares Gedicht, muss ich gleich nochmal lesen!!!! I like it very mucht, deine Pö

  7. deine experimente sind wirklich herrlich und du hast sicher spaß daran gehabt! allerdings auf den duft eines „eitlen gockels“ kann ich gut verzichten ;))!! aber auf jeden fall hat es sich gelohnt, denn die seiten sind wunderschön geworden. die bindung sieht leicht aus und ist vielleicht auch etwas für mich, wo ich doch so gerne solche hefte mache, mich aber vor komplizierteren bindungen eher drücke.
    liebe grüße
    mano

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